Kritik am BMI

Der BMI wurde nie als Diagnosewerkzeug für einzelne Menschen entwickelt, sondern als statistisches Maß für Bevölkerungen. Genau daraus folgen fast alle berechtigten Kritikpunkte – und auch der Grund, warum er trotzdem überall verwendet wird.

1. Der BMI unterscheidet nicht zwischen Muskel und Fett

Das ist der bekannteste Einwand, und er ist rechnerisch leicht zu belegen. Zwei Männer sind 1,80 m groß und wiegen 85 kg. Beide haben einen BMI von 85 ÷ 3,24 = 26,2 und gelten damit nach WHO als übergewichtig. Der erste hat 12 % Körperfett, also 10,2 kg Fett und 74,8 kg fettfreie Masse. Der zweite hat 30 % Körperfett, also 25,5 kg Fett und 59,5 kg fettfreie Masse. Der Unterschied beträgt 15,3 kg in beide Richtungen – der BMI zeigt bei beiden dieselbe Zahl. Für Kraftsportler ist das kein Randfall, sondern der Normalfall; die Konsequenzen stehen ausführlich auf der Seite BMI bei Sportlern, die passende Ersatzkennzahl im FFMI-Rechner.

2. Er weiß nicht, wo das Fett sitzt

Fett am Bauch, das die inneren Organe umgibt, ist stoffwechselaktiv und mit einem höheren Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Fett an Hüften und Oberschenkeln ist es deutlich weniger. Der BMI kann diesen Unterschied konstruktionsbedingt nicht erfassen, weil er nur Gesamtgewicht kennt. Zwei Frauen mit BMI 26 – eine mit 76 cm Taille, eine mit 96 cm – haben denselben Indexwert und eine unterschiedliche Ausgangslage. Deshalb steht in praktisch jeder Leitlinie der Taillenumfang neben dem BMI: Grenzwerte 80 und 88 cm für Frauen, 94 und 102 cm für Männer. Wie richtig gemessen wird, zeigt die Seite Taillenumfang messen.

3. Die Quadrierung der Größe passt nicht für alle Körpergrößen

Der BMI teilt durch die Größe im Quadrat, obwohl Körpermasse mit der Größe stärker als quadratisch wächst. Die Folge: Bei identischen Körperproportionen fällt der BMI großer Menschen höher und der kleiner Menschen niedriger aus. Ein Beispiel: Bei 1,50 m entspricht ein BMI von 25 einem Gewicht von 56,3 kg, bei 1,95 m einem Gewicht von 95,1 kg. Rechnet man dieselben Personen mit einem Exponenten von 2,5 statt 2, verschieben sich die Werte um mehr als einen Punkt in entgegengesetzte Richtungen. Was das konkret bedeutet, rechnen wir auf der Seite BMI bei sehr kleinen und sehr großen Menschen vor.

4. Die Grenzwerte gelten nicht weltweit gleich

Die WHO-Klassen 18,5 / 25 / 30 stammen aus Daten überwiegend europäischstämmiger Bevölkerungen. Bei Menschen mit asiatischer Herkunft treten stoffwechselbedingte Risiken im Mittel schon bei niedrigerem BMI auf, weil der Körperfettanteil bei gleichem BMI höher liegt. Die WHO hat deshalb 2004 ergänzende Handlungsschwellen für asiatische Bevölkerungen beschrieben, in denen ein erhöhtes Risiko bereits ab einem BMI um 23 und ein deutlich erhöhtes ab etwa 27,5 angesetzt wird. Eine einzige, für alle Herkünfte gültige Grenze gibt es also nicht – ein Punkt, der in Rechnern fast nie erwähnt wird.

KritikpunktKonkrete FolgeWas stattdessen hilft
Muskeln zählen wie FettBMI zu hoch bei KraftsportlernFFMI, Körperfettanteil
keine FettverteilungBauchfett bleibt unsichtbarTaillenumfang, WHtR
Größe im Quadratverzerrt unter 1,55 m und über 1,90 mWHtR, angepasste Indizes
eine Grenze für alle HerkünfteRisiko wird unterschätzt oder überschätztherkunftsbezogene Schwellen, ärztliche Bewertung
keine AltersanpassungÄltere werden zu schnell als übergewichtig eingestuftaltersangepasste Richtwerte
keine Aussage zu GesundheitBlutdruck und Blutzucker bleiben außen vorLaborwerte, körperliche Untersuchung

5. Alter wird ignoriert

Ein 70-Jähriger mit BMI 27 und ein 25-Jähriger mit BMI 27 stehen im selben WHO-Feld, obwohl ihre Ausgangslage verschieden ist. Im höheren Alter sind leichte Reserven mit einer stabileren Konstitution bei Krankheit und Krankenhausaufenthalten verbunden, während unbeabsichtigter Gewichtsverlust ein Warnsignal ist. Die im deutschsprachigen Raum verbreiteten altersangepassten Richtwerte tragen dem Rechnung: 19–24 Jahre 19–24, 25–34 Jahre 20–25, 35–44 Jahre 21–26, 45–54 Jahre 22–27, 55–64 Jahre 23–28, ab 65 Jahren 24–29. Unser BMI-Rechner mit Alter zeigt beide Bewertungen nebeneinander.

6. Er misst Gewicht, nicht Gesundheit

Der BMI sagt nichts über Blutdruck, Nüchternblutzucker, HbA1c, Blutfette, Ausdauer, Kraft, Schlaf oder Rauchstatus – also über die Faktoren, die den größten Teil des tatsächlichen Risikos ausmachen. Ein Mensch mit BMI 28, normalem Blutdruck, normalen Blutzuckerwerten und guter Ausdauer hat eine andere Ausgangslage als ein Mensch mit BMI 23, Bluthochdruck und Bewegungsmangel. Die Zahl allein trägt keine Diagnose, und sie sollte auch nicht als Bewertung eines Menschen gelesen werden. Wer den BMI als moralische Aussage über sich selbst versteht, gerät leicht in einen Kreislauf aus Kontrolle und Selbstabwertung – wenn das Thema Sie belastet, hilft das BZgA-Beratungstelefon zu Essstörungen unter 0221 89 20 31 weiter.

Warum der BMI trotz aller Kritik bleibt

Alle genannten Punkte sind berechtigt, und keiner davon hat den BMI verdrängt. Das hat vier nüchterne Gründe. Erstens die Kosten: Zwei Messungen, die überall auf der Welt möglich sind, ohne Gerät, ohne Labor, ohne Schulung. Zweitens die Reproduzierbarkeit: Zwei Personen, die dieselbe Person messen, kommen auf denselben BMI – bei einer Körperfettschätzung ist das nicht so. Drittens die Datenlage: Der Zusammenhang zwischen BMI-Klassen und Erkrankungshäufigkeit auf Bevölkerungsebene ist über Jahrzehnte in großen Kohorten dokumentiert, weshalb WHO, RKI, DGE und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft ihn als Bezugsgröße nutzen. Viertens die Vergleichbarkeit über die Zeit: Weil sich die Definition seit 1997 nicht geändert hat, lassen sich Daten aus verschiedenen Jahrzehnten gegenüberstellen.

Der praktische Schluss lautet deshalb nicht „BMI ignorieren“, sondern „BMI plus eine zweite Zahl“. Für die meisten Menschen ist diese zweite Zahl der Taillenumfang oder der WHtR – ein Vergleich aller Kandidaten steht auf der Seite Alternativen zum BMI. Und wenn Sie verstehen wollen, warum der Index überhaupt so gebaut ist, wie er gebaut ist, lohnt der Blick in die Geschichte des BMI: Ein belgischer Statistiker suchte 1832 eine Formel für den Durchschnittsmenschen – nicht für Ihre Sprechstunde. Wie die Rechnung im Detail funktioniert, steht auf der Seite BMI-Formel.

Häufige Fragen

Ist der BMI unwissenschaftlich?

Nein. Er ist ein gut belegtes Screening-Maß für Bevölkerungen. Kritikwürdig ist nur, ihn als alleinige Aussage über die Gesundheit eines einzelnen Menschen zu behandeln.

Warum ist der BMI bei Muskulösen zu hoch?

Weil er nur das Gesamtgewicht kennt. Ein Kilogramm Muskulatur zählt genauso wie ein Kilogramm Fett, obwohl beide stoffwechselisch völlig verschieden sind.

Gelten die BMI-Grenzen für alle Herkünfte?

Nicht unverändert. Für asiatische Bevölkerungen beschreibt die WHO ergänzende Handlungsschwellen, bei denen ein erhöhtes Risiko bereits um einen BMI von 23 beginnt.

Sollte ich den BMI überhaupt noch benutzen?

Ja, als ersten Anhaltspunkt. Nehmen Sie den Taillenumfang dazu, dann gleichen die beiden Zahlen die jeweiligen Schwächen der anderen aus.

Welche Werte sagen mehr über meine Gesundheit als der BMI?

Blutdruck, Nüchternblutzucker, Blutfette, Taillenumfang und Ausdauerleistung. Diese Werte beschreiben das Risiko direkter als jede Gewichtsformel.

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